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Elternproteste gegen Schul- und Kitaschließungen auch in Taucha

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So sah der Rathaus-Eingang am Montag kurz vor 7 Uhr aus.

In einigen sächsischen Städten kommt es seit dem Wochenende zu Protesten von Eltern gegen die Schließungen von Kitas und Schulen aufgrund der Inzidenz über 100 (in Nordsachsen derzeit über 200). Vor dem Rathaus haben die Eltern darum Schuhe ihrer Kinder abgestellt, auch Schilder mit Sprüchen und Forderungen wurden an die Tür geklebt oder neben die Schuhe gestellt. Sogar Grabkerzen sind dabei.

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„Alle Kinder sind systemrelevant“, „Wir brauchen wieder echte Schule“, „Kindersport wieder erlauben – nicht nur Profisport“ – solche Forderungen und Meinungen finden sich auf den Schildern, die seit dem Sonntag vor dem Rathaus zusammen mit Kinderschuhen aufgestellt werden. Aber auch: „Maskenzwang ist Kindesmisshandlung“, „Keine Masken, keine Tests, keine Impfungen!“ oder „Freiheit ist nicht verhandelbar“ ist auf den Schildern zu lesen. Letztgenannter Spruch war für Gymnasiallehrerin Susan Danke Grund genug, nach dem Lesen dieses Schildes noch mal nach Hause zu fahren und ein eigenes Schild anzufertigen. In einem langen Text erklärt sie, dass gerade Freiheit stets verhandelt werden müsse. Und sie zitiert Emanuel Kant, der sagte, dass die Freiheit des einen endet, wo die des anderen anfängt. „Mir sind einige Sprüche hier zu krass, das muss dringend differenziert werden“, sagt die Deutschlehrerin am Gymnasium Borsdorf gegenüber Taucha kompakt. Es findet in dieser Sache keine öffentliche Debatte statt, es wird kein Konsens mehr gefunden in der heutigen Zeit. Das überträgt sich hier an dieser Stelle aus dem Social Media in die reale Welt“, meint sie.

Was ihr fehlt, ist ein kleinräumigeres Handeln. „Unsere Diskussionskultur ist zu impulsiv. Der eine fordert, die Lockdowns zu beenden, den anderen ist das zu gefährlich. Aber die Wahrheit liegt dazwischen, da wird aber nicht unterschieden“, so Susan Danke. Sie verstehe die Forderungen der Eltern, sie sind ihr aber zu undifferenziert. „Raus aus den eigenen Filterblasen und immer die Gegenseite mit im Blick haben“, ist ihr Rat.

Auch Raja Kozlovskaya und Sandra Mory haben heute Zettel und Schuhe an der Rathaustür hinterlassen. „Wir machen das, damit unsere Kinder wieder eine Kita besuchen können. Damit unsere Kinder nicht aussortiert werden, weil sie nicht systemrelevant sind. Wir wollen ein Zeichen setzen für die Zukunft unserer Kinder und Wertschätzung für unsere Kinder einfordern. Außerdem wollen wir Unterstützung für die Eltern einfordern. Es sollte genauer hingeschaut werden. Kinder sind keine Pandemietreiber. Die Kinder brauchen Ihre Bildung für Ihre Zukunft“, sagt Raja Kozlovskaya. Und Sandra Mory sagt: „Unsere Kinder leiden unter den Kita- und Schulschließungen.“

Ein Mann und sein Sohn, Schüler einer sechsten Klasse an der Oberschule Taucha, treten heran und legen ebenfalls einen Zettel ab. Auf dem ist unter anderem – gerichtet an Bürgermeister Tobias Meier zu lesen: „Luft ist ein freies Gut […] Lass nicht zu, das unsere Kinder Maulkorb tragen müssen!!!“ – inklusive des Schreibfehlers. In der späteren Unterhaltung bezweifelt der Mann die Aussagefähigkeit der Corona-Tests und berichtet von einer Art Test-Zwang an der Oberschule. „Wer sich nicht selbst testet, darf nicht am Unterricht teilnehmen“, sagt der Tauchaer. Es gelte aber, die Älteren zu schützen. Er und sein Sohn fühlen sich gut und letztlich sei Corona nur eine Grippe. „Getestet wird, um die Zahlen künstlich oben zu halten“, sagt der Mann. Auf die Frage, wer etwas davon hat, antwortet er mit „Die Regierung.“ Warum genau die Bundesregierung dies macht, wäre ein großes Rätsel, das er noch nicht lösen konnte.

Währenddessen wird eine ältere Frau laut: „Bill Gates will zwei Drittel aller Menschen mit den Impfungen umbringen“, ruft sie impulsiv zu Susan Danke. „Und was will Bill Gates Ihrer Meinung nach mit der Macht, wenn er fast alle Menschen umbringt?“, fragt die Lehrerin die Dame, die mit einer Bekannten gekommen war, um ein Schild aufzustellen, das unter anderem die Aufschrift „Keine Impfungen“ enthält. Auf die Frage bekommt Susan Danke keine Antwort. Die ältere Dame winkt ab und geht. Die Lehrerin schüttelt den Kopf, sagt aber: „Man kann das den Leuten noch nicht mal übel nehmen. Das ist Ausdruck der schlechten Bildungspolitik, vor allem fehlt es an Medienkompetenz.

Eine andere Frau nickt und sagt: „Es geht hier um eine Grundrechtsabwägung. Offenbar gibt es ein Wissensdefizit. Was ist denn wichtiger? Dass ich keine Maske tragen muss? Letztlich geht es doch um das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit aller Menschen. Das muss doch höher wiegen.“

Bürgermeister Tobias Meier, der von den Schuh- und Schilder-Niederlegungen an der Rathaustür über soziale Medien und Presse erfahren hatte, kam heute Nachmittag ebenfalls dazu. „Ich kann die Proteste verstehen und unterstützt den sachlichen und friedvollen Protest. Auch wenn ich nicht alle Meinungen gut heiße“, sagte er. „Bei einer Pandemie müssen alle Situationen Berücksichtigung finden. Meinungsäußerungen sind wichtig in unserer Gesellschaft und sorgen für den nötigen und vor allem in dieser schwierigen Situation dringend notwendigen Diskurs“, so Meier.

Allerdings gibt auch zu bedenken: „Bei einer örtlichen Inzidenz von etwa 350 in Taucha ist eine weitere Öffnung schwer zu vermitteln. In Nordsachsen (mit Inzidenz von ca. 220) gibt es von 0 bis etwa 2.000er Inzidenzwerte große Unterschiede. Das lässt sich auf den gesamten Freistaat übertragen. Da muss angesetzt werden. So haben wir in Taucha die Regenbogen-Grundschule, die bereits vorher vom Schulbetrieb genommen wurde. Neben zahlreich positiv getesteten SchülerInnen sind oder waren zu wenige einsatzfähige LehrerInnen und ErzieherInnen da. In anderen Einrichtungen haben wir wir keine Fälle“, so Meier in einer Stellungnahme, die er auch an der Rathaustür anbrachte.

Meier weiter: „Die Stimmung ist in der Bevölkerung sehr schlecht und die Nerven liegen bei Kindern, Jugendlichen, Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen oft blank nach dem langen Winter Lockdown, Heim-Beschulung, der kurzzeitigen Öffnungen und der wiederholten Rolle rückwärts und der ungewissen Zukunft. Alle versuchen Ihr Bestes. Meines Erachtens ist das der Staatsregierung alles bewusst. Doch sieht es so aus, als ob es für Kitas und Schulen keine perspektivischen Ideen gibt, wie mit Öffnungen umgegangen werden soll. Proteste und Hilferufe durch Plakate und Schuhe können sicher anregen. Vielmehr muss es eine Diskussion über neue Grundlagen für eine anhaltende Öffnungsstrategie geben.“

Die Plakate wolle er in den nächsten Tagen zur sächsischen Staatsregierung nach Dresden schicken. Die Kinderschuhe sollen der Kleiderkammer zugutekommen, die stets auf der Suche sei nach tragbaren und gut erhaltenen Schuhen jeder Größe.

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(1 mal heute gelesen)
Veröffentlicht am 21. März 2021 um 15:59 Uhr.
Letzte Bearbeitung: 22. März 2021 um 7:28 Uhr.


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Daniel Große ist Herausgeber von Taucha kompakt. Er arbeitet seit 2001 als freier Journalist und berichtet hier zu allen Themen, die Taucha bewegen. Infrastruktur, Blaulicht-Meldungen, Veranstaltungen, Neues aus dem Rathaus und vieles mehr veröffentlicht er hier. Schnell, kompakt und verständlich.
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9 Kommentare

  1. Bürgermeister ohne Profil, Menschen ohne Allgemeinbildung, Extreme instrumentalisieren Mitbürger und ihre Kinder…

    Wir leben in einer Pandemie, die ja sowieso von Frau Merkel herbeigeleugnet wurde und das natürlich gleich mal über alle Systeme weltweit hinweg. Bill Gates entwickelt Impfstoff, der erst allen kleine Minichips implementieren sollte und als sich das als Witz rausstellt, bringt sein Impfstoff eben 2/3 aller Menschen um, irgendwann halt mal…ach und dafür hat er sogar den russischen Sputnik V Impfstoff entwickelt?

    Kinder werden von ihren Eltern vorgeschickt und erzählen den selben Schwachsinn wie ihre Eltern zum Thema Mund- und Nasenschutz. Wir alle werden ganz krank von dem Mundschutz. Genau wie die Ärzte, die ihn bei OPs tragen oder Labormitarbeiter die ihn auch schon seit Jahren nutzen. Oder Bauarbeiter, die die FFP Maske als Staubschutz auch den ganzen tragen. Alles potentielle Kandidaten für eine schnellen Tot…oder etwa nicht?!

    Und dann kommt der Bürgermeister und ist nicht in der Lage klare Gegenargumente zu bringen, sondern will auch noch Protestplakate nach DD senden.

    Die Pandemie zehrt an unser aller Nerven, nicht alle Entscheidungen der Politik sind gut und nachvollziehbar. Aber für den Anstieg der Zahlen und die damit verbundenen Einschränkungen sind alle Bürger verantwortlich, die durch ihr naives Verhalten das Virus verbreiteten…

  2. Was ht Bill Gates mit Corona zu tun diese Frage müsste die Dame mal erläutern.

    Schulbildung ist bei manchem Elternteil verloren gegangen. Wie kann sich der Vater hinstellen und behaupten….. CORONA SEI NUR EIN SCHNUPFEN…. soviel Lebensweisheit tut schon arg weh. Also sind weltweit die vielen Menschen an einem Schnupfen verstorben. Da kann man doch nur hoffen, daß seine Familie diesen Schnupfen erhält und der Vater dann auf der Intensivstation zu einer Erkenntnis kommt. Anders kann man solchen Unbelehrbaren beikommen. Allen Eltern eine Frage… was ist wichtiger…. die Gesundheit aller Lehrkräfte und Kinder… oder immer wieder neue Ansteckung und Schließungen….so bleibt unser Land am Boden.
    Ihr habt es in der Hand. Hände waschen. Masken tragen… ist dies so schwer?

    • Eine kleine Korrektur in meinem Schreiben.

      Anders kann man dem Vater.. . NICHT.. beikommen, erst eine Ansteckung durch das Virus und einen Aufenthalt auf der Intensivstation müsste seine Lebensweisheit erweitern…vervollkommenen. Wenn Kindern erzählt wird, daß dieser Virus nicht so schlimm ist, sollte auch diesen Kindern die Zahl der weltweit Verstorbenen vermittelt werden.

    • Nur weil der Herr vielleicht nicht der gleichen Meinung ist bzw. ein anderes Bild von der Situation hat, gleich der ganzen Familie eine Krankheit zu wünschen nur um den Vater auf der Intensivstation sehen zu wollen, zeigt mir den geistigen Horizont einiger Leser(innen) hier!

      • Ja so ist es leider, sehr armselig. Der Artikel ist, ich sag mal, einseitig. Die Erwähnung des Rechtschreibfehler ist dumm, muss man perfekt schreiben können um etwas zum Ausdruck zu bringen? Und die Meinung der Frau mit Bill Gates sind Ausnahmen, ich kenne kaum jemand der das Virus leugnet aber viele die zu Recht die Dargestellte seine Gefährlichkeit für die breite Masse in Frage stellen. Ich gehe morgen auch nach Apolda und lege ein Plakat und Kinderschuhe nieder da ich mit den Maßnahmen nicht einverstanden bin.

  3. Eine kleine Korrektur in meinem Schreiben.

    Anders kann man dem Vater.. . NICHT.. beikommen, erst eine Ansteckung durch das Virus und einen Aufenthalt auf der Intensivstation müsste seine Lebensweisheit erweitern…vervollkommenen. Wenn Kindern erzählt wird, daß dieser Virus nicht so schlimm ist, sollte auch diesen Kindern die Zahl der weltweit Verstorbenen vermittelt werden.

  4. Die teilweise unerträglich überhebliche Einschätzung der Gymnasiallehrerin Susan Danke war für mich Grund genug, mich an der tatsächlich sehr emotionalen Auseinandersetzung zu beteiligen. Emotionen sind in der jetzigen Lage keinem zu verdenken!
    Ich halte es für regelrecht unverschämt oder geradezu (Entschuldigung) „dumm“, notdürftige Erklärungsversuche Einzelner auf mangelnde Bildung zurückzuführen! Das bringt niemanden weiter. Die extrem angespannte gesellschaftliche Situation ist sehr unübersichtlich und ich frage mich, wer in der jetzigen Lage von sich behaupten kann, den Überblick behalten zu haben? Ich zähle mich sicher nicht dazu.
    Selbst renommierte Wissenschaftler widersprechen sich aufs Schärfste in allen relevanten Fragen bezüglich „Corona“.
    Und was die Bemerkung der „anderen Frau“ betrifft, zitiere ich unseren amtierenden Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble:

    „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig“, sagte Schäuble in einem Interview mit dem Tagesspiegel. „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen“, erklärte er. Diese sei unantastbar, schließe aber nicht aus, „dass wir sterben müssen“.

    Diese Aussage kann ich nur unterstreichen. Und ich finde den Umgang mit schulpflichtigen Kindern und deren Eltern oder auch pflegebedürftigen Menschen oder unzähligen Berufsständen, welchen der Verlust der Lebensgrundlage droht, äußerst kritisch und zunehmend würdelos. Zumal oftmals aus einer Position finanzieller Sorglosigkeit heraus formuliert.
    Wenn wir zu unserem „Schutz“, unsere verstorbenen Angehörigen nicht einmal würdevoll beerdigen können, was in Sachsen Anhalt offenbar noch möglich ist, dann wird es zunehmend sinnloser zu überleben. Mir ist es nicht egal, in was für einer Gesellschaft ich lebe und ich gehöre nicht zu den Menschen die auf „Teufel komm raus“ ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit beanspruchen, auch wenn ich diese Art verstehen kann. Es hat wohl auf allen Seiten viel mit Angst zu tun. Und ich möchte mich moralisch sicher nicht überhöhen! Ich pfeife auf Moral! Nächstenliebe bzw. Mitmenschlichkeit jedoch, halte ich für unverzichtbar!
    Und es sollte keiner außer acht lassen, dass das Dasein auf dieser Welt in jedem Fall endlich ist.
    Uneinigkeit und Besserwisserei bringen uns jedenfalls nicht weiter.
    Eigentlich würde ich mir wünschen, dass nicht die weniger gefährdeten unter uns ,wie Kinder oder gesunde Menschen, „sich vor dem Tod Fürchtende“, schützen müssen, sondern die sich ernsthaft Sorgenden selbst eine ausreichend Schutz gewährende Atem-Maske aufsetzten. Stichwort: Eigenverantwortung.
    Und ich bin sicher kein FDP Anhänger, sondern eher unpolitisch. Und die Gefährdeten sollten selbstverständlich in ihrem Schutzbedürfnis unterstützt werden.
    Ich selbst habe offiziell eine Coronainfektion schon im März 2020 gut überstanden. Ich persönlich kann nicht einschätzen, wie gefährdet ich war. Jedenfalls hatte ich deutliche Krankheitssymptome und gehöre daher keinen sogenannten „Coronaleugnern“ an. Ich betrachte mich als, aus derzeitiger Sicht jedenfalls, vollständig geheilt. Sicher auch dank medizinischer Betreuung.
    Das derzeitige tiefe Misstrauen von, aus meiner Sicht, erheblichen Teilen der Bevölkerung in den Umgang verantwortlicher Stellen mit dieser Erkrankung, würde ich keinesfalls als mangelnde Bildung und/ oder unzureichende Medienkompetenz abtun! Um Himmels Willen, nein!
    Oftmals hat die Bevölkerung auch einen recht treffsicheren Instinkt (sicher nicht in jedem Fall) und mit etwas Einfühlungsvermögen bekommt man auch mit, wann die Grenzen der Belastbarkeit überschritten werden!
    Diese Zeilen konnte ich übrigens nur verfassen, weil meine Kinder aus dem Gröbsten raus sind und ich derzeit ausreichend versorgt bin.

    In der Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

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