Vor diesem Eckhaus am Markt 4 müsste die Stolperschwelle eigentlich liegen.

EXKLUSIV  Mit zahlreichen Gästen und bewegenden Reden wurde am vergangenen Dienstag die Stolperschwelle in Taucha verlegt. Das Projekt hat rund zwei Jahre in Anspruch angenommen, viel wurde recherchiert. Auch Historiker befassten sich mit der Zeit der Zwangsarbeit in Taucha. Wohl nicht genug. Denn die Stolperschwelle liegt nun vor dem falschen Haus.

Anzeige

Tagespflege Pittiplatsch und seine Freunde:
Liebevolle, individuelle Betreuung.
Jetzt Platz für Ihr Kind anfragen!


Tagespflege Taucha



Körbisbau Bauunternehmen:
Mauerwerk und Dach - alles vom Fach.



Jetzt 5 Prozent Rabatt sichern!
Gutscheincode: tauchakompakt



„Hier interniert am Markt 6 ab Februar 1944 – Zwangsarbeitende der Erla Maschinenwerke…“, so beginnt der Innschrift der Stolperschwelle, die vergangene Woche in Taucha verlegt wurde. Die Angabe „Markt 6“ bezieht sich auf den Gasthof Goldener Löwe, der sich einst hier befunden haben soll. Es bedarf nur weniger Minuten Recherche, beispielsweise im Tauchaer Museum, im Internet oder bei Stadtfotograf Joachim Görlich, um festzustellen, dass die Adresse nicht korrekt ist. Vielmehr hat sich der Gasthof am Markt 4 befunden. Dass die Stolperschwelle nun im direkten Eingangsbereich des Rossmann-Drogeriemarktes liegt, ist also falsch. Diese vermeintliche kleine Ungenauigkeit wird bedeutsamer, wenn man weiß, dass es Hinterbliebene der Bewohner des Hauses Markt 6 gibt und diese nicht einverstanden sind mit der geschichtlichen Aufarbeitung. „Mir als Tauchaerin tut es sehr weh, dass jemand, der sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt, nicht weiß, wo der Goldene Löwe stand“, sagt Dagmar Engelhard. Die Tauchaerin ist die Stief-Urenkelin von Gustav Kleine. Diesem gehörte einst das Haus am Markt 6. Danach wohnten Karl und Charlotte Riedel in dem Gebäude. Karl Riedel war Landwirt. Mit Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion hatte das Haus Markt 6 also nichts zu tun.

Dass der Gasthof Goldener Löwe sich am Markt 4 befand, ist aufgrund mehrerer nachvollziehbarer Fakten unstrittig. Zum einen existiert im Museum Taucha ein Adressbuch aus dem Jahr 1935. Dort findet sich der Eintrag: „Uhlig, Otto, „Goldner Löwe“, Markt 4. T.389. Zum anderen erschien im Jahr 2003 das Buch „Taucha Während der Weimarer Republik 1918-1933“ aus dem Tauchaer Verlag. Dort heißt es auf Seite 276 im Abschnitt „5.2.6. Kino“:Ein Kino gab es in Taucha bereits seit 1909 im „Gasthof Goldener Löwe“ am Markt 4..

Auszug aus dem Adressbuch von 1935. Foto: Museum Taucha

Unstrittig ist der Standort des Goldenen Löwen auch anhand von Fotos. Auf diversen Aufnahmen, die im Museum Taucha und bei Fotograf Joachim Görlich eingesehen werden können, ist der Gasthof als Eckhaus zur Eilenburger Straße zu erkennen. Rechts daneben steht das Haus Markt 5, in dem sich heute eine Zeitarbeitsfirma und eine Finanzberatung der Postbank befinden. Dieses Haus existiert bereits seit längerer Zeit. Wie auf den Fotos zu sehen ist, befand sich der Goldene Löwe links neben diesem Gebäude. Im heutigen Gebäude Markt 4, vor dem die Stolperschwelle eigentlich liegen müsste, befindet sich aktuell eine Physiotherapie.

Eindeutig: Der Gasthof Goldener Löwe befand sich an der Ecke zur Eilenburger Straße. Foto: Privatarchiv Familie Engelhard.
Der Abriss des Goldenen Löwen im April 1965. Eindeutig zu sehen ist rechts daneben das Haus Markt 5, das auch heute noch existiert. Foto: Archiv Joachim Görlich.

Wer hat nun den falschen Standort der Stolperschwelle zu verantworten? Den Schülerinnen und Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, die sich intensiv mit der Zeit der Zwangsarbeit in Taucha befassten, ist kein Vorwurf zu machen. Zusammengearbeitet haben die Schüler mit dem Erich-Zeigner-Haus e.V.. Der Verantwortliche Mitarbeiter Henry Lewkowitz ist diese Woche nicht zu erreichen. Allerdings meldete sich Historiker Nils Franke bei Taucha kompakt. Franke hat im Auftrag des Erich-Zeigner-Hauses das Projekt begleitet. Gegenüber Taucha kompakt sagt er: „Dass der Goldene Löwe am Markt 6 stand, habe ich von der Website der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig. Dort gibt es eine Karte, auf der Markt 6 zu lesen ist. Ich hatte keinen Zweifel an der Richtigkeit, denn immerhin ist das ja die Gedenkstätte, die sich mit der HASAG intensiv beschäftigt. Es gab keine Anhaltspunkte, dass das falsch sein könnte“, so Nils Franke.

Anne Friebel von der Gedenkstätte sagt auf Anfrage: „Wir sind leider auch nicht unfehlbar. Andererseits müsste ein mit dem Projekt beauftragter Historiker auch eigene Recherchen betreiben und Fakten prüfen“, meint sie. Generell habe die Gedenkstätte bzw. ihr Verein Erinnern an NS-Verbrechen in Leipzig e.V. ohnehin Schwierigkeiten mit dem gesamten Projekt gehabt. „Die Aufarbeitung und was hier entstanden ist, ist historisch nicht ganz korrekt. Es geht um KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, das sind zwei verschiedene Dinge, die kann man nicht vermischen. Zudem wird auf zwei Firmen eingegangen, theoretisch fehlen da noch die MIMO und andere Firmen, wenn man schon über die Zwangsarbeit in Taucha aufklären will“, so Anne Friebel. Aus diesem Grund zog sich der Verein aus dem Projekt zurück und überließ die weitere Aufarbeitung dem Erich-Zeigner-Haus e.V. Die fehlerhafte Angabe auf der Website will die Gedenkstätte nun korrigieren.

Auch Stadtrat Jürgen Ullrich, der auch Vorsitzender des Schlossvereins Taucha und historisch bewandert sowie interessiert ist, war in die Stolperschwelle involviert. „Ich habe letztlich die Innschrift angepasst, weil wir ja von den Internierten im Gasthof und auch den Zwangsarbeitern der HASAG sprechen. Eigentlich habe ich da sprachlich nur geglättet. Die Aufarbeitung zum Standort kam vom Erich-Zeigner-Haus“, so Ullrich. Stutzig hätte Ullrich dennoch werden können. In einer E-Mail des Vereins Solidarische Alternativen für Taucha e.V. (SAfT) wurde er im Februar 2022 darauf hingewiesen, dass der Gasthof nicht an der Stelle des heutigen Rossmann-Marktes stand – nebst Link zu einer Postkarte, auf der zu sehen ist, dass der Gasthof ein Eckhaus war. Auch der SAfT ist nicht einverstanden mit der Arbeitsweise des Erich-Zeigner-Haus e.V. und übte bereits lange vorher Kritik am Verlegeort der Stolperschwelle unweit des Marktes, weil jeglicher historischer Bezug fehle.

Dagmar Engelhard wünscht sich nun eine Korrektur der Stolperschwelle. „Man lastet verstorbenen Menschen an, Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie unterstützt zu haben. Das ist falsch. Wenn auf der Schwelle wenigstens der Goldene Löwe erwähnt wäre – aber stattdessen wird die Adresse des Hauses meines Uropas genannt. Wenn man so etwas ausarbeitet, sollte das auch historisch korrekt sein“, meint die 67-Jährige.

Dieses Haus stand einst am Markt 6. Foto: Archiv Familie Engelhard
Der Abriss des Hauses am Markt 6. Foto: Archiv Familie Engelhard
Anzeige
(1 mal heute gelesen)
Veröffentlicht am 24. Mai 2022 um 15:04 Uhr.
Letzte Bearbeitung: 27. Mai 2022 um 10:40 Uhr.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here