Die Bürgerinitiative (BI) Merkwitz hat sich erneut an Taucha kompakt gewandt. In einer weiteren Stellungnahme reagiert sie auf eine Veröffentlichung im aktuellen Stadtanzeiger, in der Bürgermeister und Stadtkämmerer die wirtschaftlichen Chancen eines geplanten Industriegebiets dargestellt hatten. Genannt wurden dort unter anderem zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen von perspektivisch bis zu 1,8 Millionen Euro pro Jahr, neue Arbeitsplätze sowie Impulse für Handel und städtische Infrastruktur.
Die BI hält diese Argumente grundsätzlich für nachvollziehbar. Gleichzeitig mahnt sie aus ihrer Sicht eine realistische Einordnung an. „Die Erwartungen sollten nicht zu kurzatmig formuliert werden. Entscheidend ist der zeitliche Horizont und das Risiko, das die Stadt zunächst eingeht“, erklärt Peter Wagner von der BI Merkwitz.
Die Bürgerinitiative gibt zu bedenken, dass es zum jetzigen Zeitpunkt keinen konkreten Investor für das geplante Gebiet gibt. Das bedeute, dass die Stadt Flächen zunächst mit öffentlichen Mitteln erschließen würde, ohne zu wissen, ob, wann und durch wen diese Flächen tatsächlich genutzt werden. Im ungünstigsten Fall könne ein erschlossenes Gebiet über Jahre ungenutzt bleiben. Auch im besten Fall, also bei einer zeitnahen Ansiedlung, rechnet die BI nicht mit kurzfristig spürbaren Mehreinnahmen. Vom Planungsbeginn über Erschließung und Bau bis zur Produktionsaufnahme vergingen erfahrungsgemäß mehrere Jahre. Hinzu komme, dass Unternehmen in den ersten Betriebsjahren in der Regel hohe Investitionen steuerlich geltend machten. Bis tatsächlich relevante Gewerbesteuereinnahmen entstünden, könnten acht Jahre oder mehr vergehen, so die Initiative. Dies sollte die Verwaltung klar und ehrlich kommunizieren.
Vor diesem Hintergrund warnt die BI davor, den Eindruck zu erwecken, dass schon in naher Zukunft zusätzliche finanzielle Spielräume für Schulen, Kitas, Straßen oder andere kommunale Aufgaben entstünden. Solche Effekte lägen aus Sicht der Initiative deutlich in der Zukunft.
Parallel dazu rückt die BI die möglichen Belastungen vor Ort in den Fokus. Die Bundesstraße 87 sei bereits heute stark frequentiert. Zusätzlicher Schwerlastverkehr würde die Verkehrssituation nach Auffassung der Initiative weiter verschärfen. Zudem seien kleinere Orts- und Umgehungsstraßen vielerorts an ihrer Belastungsgrenze. Als weitere Punkte nennt die BI, dass Schulen und Kitas in Taucha schon jetzt stark ausgelastet seien und Wohnraum knapp sei.
Diese infrastrukturellen Herausforderungen träten nach Darstellung der BI sofort ein, während mögliche finanzielle Vorteile dagegen erst langfristig spürbar wären. Daraus leite sich für die Initiative die Frage ab, ob nicht zunächst stärker in Verkehr, Bildung und Daseinsvorsorge investiert werden sollte, bevor weitere große Entwicklungsprojekte angestoßen würden. Wagner betont zugleich, man wolle wirtschaftliche Entwicklung nicht grundsätzlich ablehnen. Es gehe darum, Chancen und Risiken gleichermaßen zu betrachten, realistische Zeiträume zu benennen und die Belastungen für die Bürger ernst zu nehmen.
Die BI verweist außerdem auf das laufende Beteiligungsverfahren. Aktuell läuft noch die Auslegung zu den Planungen für das Industriegebiet. Bis Ende Januar 2026 können Tauchaer Stellungnahmen einreichen und Fragen oder Bedenken vorbringen. Die Initiative hält diese Beteiligung für wichtig, damit eine mögliche Entwicklung transparent erfolge und sich an den Gegebenheiten vor Ort orientiere. Eine offene Diskussion, die neben Vorteilen auch Nachteile benenne, sei aus Sicht der BI die Grundlage für verantwortungsvolle Entscheidungen in der Parthestadt.