Zwischen der Stadtverwaltung und der Freiwilligen Feuerwehr Taucha gibt es offenbar teils heftige Konflikte. Das wurde bei der heutigen Jahreshauptversammlung deutlich. Der bisherige Stadtwehrleiter Cliff Winkler, der sonst sachlich und pragmatisch ist, platzte heute regelrecht.
Die neue Wehrleitung steht, doch die Jahreshauptversammlung der Feuerwehr Taucha wird vor allem wegen eines offen ausgetragenen Konflikts in Erinnerung bleiben. Im Mittelpunkt standen ein Bußgeldverfahren nach einer Einsatzfahrt, scharfe Kritik an der Stadtverwaltung und die Frage, wie viel Sonderrecht Feuerwehrleute im Ernstfall tatsächlich haben.
Eigentlich sollte die Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Taucha und der Ortsfeuerwehr Merkwitz am Freitagabend vor allem eines sein: ein Abend der Bilanz, des Dankes und des personellen Neuanfangs. Doch in der Tauchaer Feuerwache entwickelte sich die Versammlung über fast dreieinhalb Stunden zu einem emotionalen und teils scharf geführten Abend, bei dem ein offener Konflikt zwischen Feuerwehr, Bürgermeister und Ordnungsamt sichtbar wurde, der Außenstehende staunen ließ. Am Ende stand nicht nur die Wahl einer neuen Wehrleitung, sondern auch ein sofortiger Rückzug des bisherigen Stadtwehrleiters Cliff Winkler - und die Frage: „Was ist hier eigentlich los?”
Zunächst ging es noch um die reguläre Bilanz des vergangenen Jahres. Cliff Winkler berichtete von 156 Einsätzen der Tauchaer Wehr im Jahr 2025. Darunter waren 76 technische Hilfeleistungen, 33 Brände, 26 ABC-Lagen und 21 Fehlalarme, die meisten ausgelöst durch Brandmeldeanlagen. Insgesamt kamen 948 Einsatzstunden zusammen. Hinzu kamen weitere 2776 Stunden für Ausbildung, Übungen und sonstige Tätigkeiten. Die Tauchaer Feuerwehr zählt aktuell 41 Kameradinnen und Kameraden in der Einsatzabteilung. Bei der Technik habe sich einiges getan. Als besonderes Highlight nannte Winkler die Indienststellung des neuen Tanklöschfahrzeugs im Frühjahr 2025.
Auch aus Merkwitz wurden stabile Zahlen gemeldet. Ortswehrleiter Michael Denzer sprach von elf Kameraden in der Einsatzabteilung und 25 Einsätzen im vergangenen Jahr. Die Jugendfeuerwehr Taucha zählt derzeit 13 Mitglieder, die Jugendwehr in Merkwitz acht Kinder. In allen Berichten wurde deutlich, dass die Feuerwehren in Taucha und Merkwitz personell arbeiten, Nachwuchs binden und öffentlich präsent bleiben wollen.
Doch der Abend bekam eine andere Richtung, als ein offener Brief eines Feuerwehrmannes verlesen wurde. Darin erklärte der Kamerad nach 34 Jahren seinen sofortigen Austritt aus dem aktiven Dienst. Hintergrund ist ein Bußgeldverfahren nach einer Einsatzfahrt unter Sonder- und Wegerecht. Der Feuerwehrmann schilderte, er sei auf dem Weg zu einer gemeldeten Brandlage in der Grundschule 3 mit seinem Einsatzfahrzeug geblitzt worden. Aus seiner Sicht habe er in einer unklaren und potenziell gefährlichen Einsatzsituation richtig gehandelt, die Stadt besteht auf einem Bußgeld. Dass daraus nun ein Verfahren gegen ihn geworden sei, wertete er als massiven Vertrauensbruch durch Stadtverwaltung, Ordnungsamt und Teile der Wehrleitung.
Brisant ist dabei nicht nur der Einzelfall selbst, sondern auch die dahinterstehende Grundsatzfrage. Nach Darstellung in der Versammlung gibt es bislang keine klare feste Rechtsprechung dazu, wie viel „zu schnell“ Feuerwehrleute bei Einsatzfahrten im Rahmen ihrer Sonderrechte konkret fahren dürfen. Genau darin liegt aus Sicht des betroffenen Kameraden ein erhebliches Problem. Wer im Ernstfall nicht wisse, wo genau die Grenze liege, fahre im Zweifel künftig vorsichtiger. Das könne Hilfsfristen verlängern und Einsätze erschweren, argumentierte er.
Bürgermeister Tobias Meier widersprach der Darstellung nicht grundsätzlich, machte aber deutlich, dass Sonderrechte kein Freibrief seien. Auch bei Einsatzfahrten gelte eine besondere Verantwortung gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern. Meier erklärte in der Versammlung, es habe Gespräche gegeben, um eine gerichtliche Auseinandersetzung zu vermeiden. Nach seinen Worten sei angeboten worden, das Verfahren ohne Punkte und ohne Fahrverbot zu beenden. Im Gegenzug sollte der Feuerwehrmann für einen sozialen Zweck beziehungsweise für Verkehrserziehung spenden. Das habe dieser jedoch abgelehnt, weil er darin offenbar ein Schuldeingeständnis sah. Stattdessen solle nun ein Gericht den Fall klären. Ein Termin dafür steht nach bisherigem Stand noch nicht fest.
Zusätzliche Schärfe bekam die Debatte, weil der Fall im Saal nicht nur juristisch, sondern auch persönlich verhandelt wurde. Der 1. Stellvertreter Jörg Schmidt, der im Brief namentlich genannt wurde, sagte, der Sachverhalt habe sich so, wie er zuvor dargestellt worden sei, nicht zugetragen. Aus dem Kreis der Kameraden gab es Diskussionen. Dabei fiel auch der Name eines städtischen Mitarbeiters aus dem Bereich Verkehrsüberwachung, was die Stimmung zusätzlich anheizte.
Zum eigentlichen Paukenschlag des Abends wurde dann die Abschiedsrede von Cliff Winkler. Der bisherige Stadtwehrleiter, der die Wehr seit 15 Jahren geführt hatte, beließ es nicht bei einem routinierten und sachlichen Rückblick. Stattdessen sprach er ausführlich über frühere Konflikte, mangelnde Rückendeckung durch die Stadt und sein wachsendes Misstrauen gegenüber Teilen der Verwaltung. Wörtlich sagte er, mit der aktuellen Stadtverwaltung könne er so nicht weiter zusammenarbeiten. Eigentlich sollte seine Amtszeit regulär mit der Neubestellung der Wehrleitung in der kommenden Stadtratssitzung enden. Stattdessen legte Winkler sein Amt noch während der Versammlung mit sofortiger Wirkung nieder.
Gerade deshalb bekamen die anschließenden Wahlen besonderes Gewicht. Nach den notierten Ergebnissen wurde der bisherige 2. Stellvertreter Enrico Jungmann mit 50 Stimmen zum neuen Stadtwehrleiter gewählt. Sein Mitbewerber Lars Neuber erhielt sieben Stimmen, hinzu kam eine Enthaltung. Zum 1. Stellvertreter wurde Jörg Schmidt wiedergewählt. Neuer 2. Stellvertreter ist Lukas Thiergen.
In Merkwitz wurde Michael Denzer erneut zum Ortswehrleiter gewählt. Jürg Kolbig ist nun sein Stellvertreter.
Trotz der offenen Spannungen versuchte der neue Stadtwehrleiter zum Schluss, den Blick wieder nach vorn zu richten. Enrico Jungmann, 43 Jahre alt, wohnhaft mit Partnerin und Hund in Taucha und beruflich bei der Berufsfeuerwehr Leipzig tätig, sieht die Freiwillige Feuerwehr der Parthestadt nach eigenen Worten insgesamt gut aufgestellt. Er wolle mit den vorhandenen Potenzialen arbeiten und Verantwortung bewusst auch an seine Stellvertreter abgeben.
Gerade mit Blick auf viele jüngere Mitglieder könne der Wechsel an der Spitze auch eine Chance sein. Nach einem Abend voller Konflikte war das die versöhnlichste Botschaft des Abends.