Beim Neujahrsempfang in der Mehrzweckhalle hat Taucha am 10. Januar offiziell den Titel „Fairtrade-Town“ erhalten. Übergeben wurde die Auszeichnung durch den Fairtrade-Ehrenbotschafter Manfred Holz. Damit ist die Stadt nach Angaben der Stadtverwaltung die erste Fairtrade-Town im Landkreis Nordsachsen.
Hinter dem Titel steckt kein einzelnes Projekt, sondern ein Netzwerk aus Ehrenamt, Handel, Gastronomie, Schulen und Rathaus. Genau das sei der Kern, erklären Susanne Pahl und Jana Glöckner, die Taucha kompakt zum Hintergrundgespräch traf. Der Impuls kam demnach nicht aus einem Strategiepapier, sondern aus dem Alltag. Pahl sei 2022 bewusst durch die Innenstadt gegangen und habe in Geschäften nachgefragt, ob Fairer Handel bekannt sei. Daraus entwickelte sich eine Kampagne der Innenstadthändler mit dem Namen „Regional & fair“. Für Pahl ist der nächste Schritt logisch. „Die Frage ist doch, warum soll es anderen Menschen schlecht gehen, wenn wir es uns hier mit Kaffee, Kakao, Bananen und anderen Südfrüchten sowie einer Flut an Bekleidung gut gehen lassen?“, sagt sie.
Pahl verweist auf Probleme, die in vielen Lieferketten eine Rolle spielten. Sie nennt Kinderarbeit, Zwangsarbeit, sehr geringe Bezahlung, fehlende soziale Absicherung. Hinzu kämen Pestizide und gefährliche Chemikalien, die ins Grundwasser gelangen oder Menschen direkt schädigen könnten. Der Gedanke des gerechten Handels solle genau an solchen Punkten ansetzen, ohne die Verantwortung allein auf einzelne Käufer abzuwälzen.
Formell begann der Weg zur Fair-Trade-Town mit einem Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen am 12. August 2023. Der Stadtrat fasste am 25. Januar 2024 den Beschluss. Seitdem koordiniert eine Steuerungsgruppe die Aktivitäten. Ihr gehören Bürgermeister Tobias Meier, Jana Glöckner, Susanne Pahl und Christine Rademacher an.
Glöckner erinnert sich, dass es beim Bürgermeister schnell voranging. Man habe „offene Türen eingerannt“. Meier sei zum ersten Gespräch gut vorbereitet gewesen und habe sich bereits informiert, welche Aktionen in Markkleeberg laufen. Die Nachbarstadt trägt den Titel seit 2015.
Der Titel ist an feste Kriterien gebunden. Kommunen müssen nachweisen, dass sie den fairen Handel auf mehreren Ebenen verankern. Dazu gehören unter anderem ein politischer Beschluss, eine Steuerungsgruppe, ein Mindestangebot an fairen Produkten in Einzelhandel und Gastronomie, die Einbindung von Zivilgesellschaft wie Schulen, Vereinen oder Kirchengemeinden sowie kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit.
Wichtig ist auch: Die Auszeichnung ist kein „Titel für immer“. Sie wird für zwei Jahre vergeben und muss anschließend über eine Titelerneuerung nachgewiesen werden „Visionen ohne Aktionen bleiben Illusionen“, gab Ehrenbotschafter Holz den Gästen beim Neujahrsempfang mit. Und er betonte: „Fairer Handel ist keine Spende, kein Almosen. Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Menschen, die unser Leben ermöglichen, auch in Würde leben dürfen.“
Pahl und Glöckner ordnen die eigenen Möglichkeiten bewusst nüchtern ein. Man rette damit nicht die Welt, sagen sie sinngemäß. Es gehe um Aufklärung und darum, viele Menschen zu erreichen. Gerade bei Kindern funktioniere das bereits gut, etwa über Unterricht und Projekte wie den FREI-Day an der Grundschule Am Park.
Dabei gehe es ausdrücklich nicht um ein Entweder-oder. Fairer Handel werde oft als globales Thema verstanden, während viele zugleich den lokalen Handel stärken wollen. Aus Sicht der Initiative passt beides zusammen. Kaffee, Kakao oder Südfrüchte wüchsen nun einmal nicht in Sachsen. Und auch ein großer Teil unserer Kleidung werde nicht in Deutschland oder der EU produziert.
Das Umweltbundesamt beziffert den Marktanteil von Fair-Trade-Lebensmitteln am gesamten Lebensmittelmarkt für 2023 auf 0,8 Prozent. Gleichzeitig steigen Umsatz und Absätze von Fairtrade-Produkten seit Jahren. Fairtrade Deutschland meldete für 2024 in Deutschland einen Umsatz von 2,9 Milliarden Euro (plus 13 Prozent) und nennt je nach Produkt sehr unterschiedliche Marktanteile, etwa bei Kaffee, Kakao oder Bananen. Kurz: Es gibt noch viel zu tun.
In Taucha wurde das Thema über Aktionen sichtbar. Genannt werden die Ausstellung in der Sparkasse („Tuchfühlung – Vom Reinwaschen und Schönfärben“), ein Fairtrade-Frühstück beim Mitmach-Tag „Taucha trifft sich“, der Verkauf fairer Weihnachtsgeschenke sowie eine Verkostung im Bioladen. Fortgesetzt wird das in diesem Jahr mit der Ausstellung „Make chocolate fair“ in der Stadtbibliothek vom 23. Februar bis 7. April.
Auch im Rathaus soll sich das Siegel im Alltag zeigen. In der Verwaltung werde inzwischen fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt. Bei Präsenten achte man stärker darauf, Produkte aus fairem Handel einzubeziehen. In der Gastronomie nennen die Initiatoren das Gasthaus Döbitz und das Herrenhaus am Rittergutsschloss, wo fairer Kaffee und Orangensaft angeboten würden. Als nächster Schritt wäre aus Sicht der Initiatoren auch fair gehandelte Berufsbekleidung etwa für den Bauhof wünschenswert.
Parallel sucht die Stadt nach Unterstützern für ein weiteres Vorhaben: fair gehandelte Bälle für Vereine und Schulen. Diese werden in Pakistan gefertigt. Die Steuerungsgruppe bietet den Sponsoren an, ihr Logo aufbringen zu lassen.
Die Steuerungsgruppe plant weitere Formate, darunter Workshops an Schulen und Präsenz bei Veranstaltungen wie dem Ancient Trance Festival oder der Spielstraße zum Tauchscher. In der Leipziger Straße gibt es an jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat von 9 bis 12 Uhr die Möglichkeit, fair gehandelte Kunsthandwerksartikel und eine kleine Auswahl Lebensmittel zu erwerben, die in Kommission vom Weltladen Connewitz bezogen werden.
Und es gibt einen Wunsch, der weniger mit Siegeln als mit Nachwuchs zu tun hat: Die Gruppe würde sich über jüngere Mitstreiter freuen, die vor allem die Social Media-Kanäle stärker betreuen können. Denn die Auszeichnung sei, so die Beteiligten, nicht der Schlusspunkt, sondern der Startschuss. Taucha soll fair bleiben, auch wenn das im Kleinen beginnt.