Nach dem Vorfall auf dem Hamburger Dom: Warum der Kettenflieger beim Tauchscher auch im Notfall sicher nach unten kommt
23 Menschen sitzen in einem Kettenkarussell fest, rund 25 Meter über dem Boden. Feuerwehrleute rücken an, Höhenretter steigen in den Turm, über eine Drehleiter werden Decken zu den Fahrgästen gebracht. Die Bilder vom Hamburger Dom gehen seit einigen Tagen durch die Medien, Instagram, TikTok & Co. Ausgerechnet wenige Tage später beginnt in Taucha der Tauchscher – mit einem Kettenflieger, der zumindest auf den ersten Blick ganz ähnlich aussieht.
Muss man sich deshalb Sorgen machen? Andreas John winkt ab. Er ist Geschäftsführer des Kettenfliegers, der zum Tauchscher aufgebaut wird, fährt das Geschäft, baut es auf und ab und betreibt es seit Jahren. Sein Fahrgeschäft gehört Jens Schmidt aus Velten bei Oranienburg. Das technische Prinzip ähnelt dem des „Nordic Tower“, allerdings stammen die Anlagen von unterschiedlichen Herstellern.
John kennt die Sicherheitssysteme solcher Fahrgeschäfte genau. Und aus seiner Sicht zeigt der Vorfall in Hamburg vor allem eines: Die Sicherheitstechnik hat reagiert.
Der „Nordic Tower“ war am Dienstagabend, 25. August, auf dem Hamburger Sommerdom beim Herunterfahren in etwa 25 Metern Höhe stehen geblieben. 23 Menschen saßen fest. Rund 45 Feuerwehrleute waren nach Angaben des NDR im Einsatz. Erst nach mehreren Stunden ließ sich die Blockade lösen und das Fahrgeschäft kontrolliert absenken. Verletzt wurde niemand.
Fest steht inzwischen: Eine Bremse hatte die Anlage blockiert. Der Betreiber erklärte, beim Herablassen habe die „Fahrstuhlbremse“ gegriffen. Warum sie auslöste, obwohl offenbar kein Notfall vorlag, sollte anschließend untersucht werden. Der Hersteller des „Nordic Tower“, das österreichische Unternehmen Funtime, widersprach Berichten über einen klassischen technischen Defekt. Nach dessen Darstellung hatte eines von drei Bremssystemen ausgelöst. Am Mittwoch wurde der „Nordic Tower“ vom TÜV überprüft und anschließend wieder für den Betrieb freigegeben. Nach Angaben der Hamburger Wirtschaftsbehörde wurden sämtliche sicherheitsrelevanten Teile kontrolliert, Bedenken gegen einen weiteren Betrieb bestanden nicht.
„Die Fallbremse geht rein – und dann steht das Ding“
Ein solches Sicherheitssystem gibt es auch beim Kettenflieger auf dem Tauchscher. „Wenn die Fallbremse auslöst, dann steht das Ding erst einmal“, erklärt Andreas John.
Solche Bremsen seien gerade dafür da, eine unerwartete Bewegung des Fahrgeschäftes zu verhindern. Nach Johns Erfahrung könne eine Sicherheitseinrichtung beispielsweise reagieren, wenn Fahrgäste während der Fahrt anfangen, in ihren Sitzen zu hopsen oder sich auf andere Weise stark bewegen. „Die Leute sollen sich darum einfach reinsetzen und die Fahrt genießen“, sagt er. Dass eine Fallbremse anspricht, bedeute nicht automatisch, dass etwas kaputt sei. Im Gegenteil: Sie soll genau dann eingreifen, wenn die Anlage eine Bewegung registriert, die außerhalb des vorgesehenen Ablaufs liegt.
Beim Tauchaer Kettenflieger kann John eine ausgelöste Fallbremse normalerweise direkt wieder lösen. Dafür verfügt das Fahrgeschäft über eine Hydraulik. „Ich kann ihm einen kleinen Schubs nach oben geben“, beschreibt er den Vorgang. Dadurch werde die Bremse entlastet, löse sich und der Kettenflieger könne anschließend kontrolliert weiter beziehungsweise nach unten fahren.
Zusätzlich gibt es ein Notfallseil. Sollte es aus irgendeinem Grund Probleme mit den regulären Halteseilen geben, übernimmt dieses eine zusätzliche Sicherungsfunktion und verhindert ein unkontrolliertes Absinken.
Auch ein Stromausfall bedeutet nicht, dass die Fahrgäste oben bleiben müssen. Dafür besitzt die Anlage einen Notfallbypass. Wird er betätigt, löst sich eine Verriegelung und Hydrauliköl läuft kontrolliert in einen Tank zurück. Der Fahrgastträger sinkt dadurch langsam nach unten.
„Alles, was elektrisch ist, kann ich auch manuell lösen“, sagt John. „Ob Strom da ist oder nicht, spielt für die sichere Rückkehr nach unten keine Rolle.“
Die Sicherheit beginnt bereits, bevor der Kettenflieger überhaupt abhebt. An den Bügeln der Sitze befinden sich Magnete beziehungsweise Sensoren, die deren Stellung überwachen. Ist auch nur ein Bügel nicht ordnungsgemäß geschlossen, lässt sich die Fahrt nicht starten.
Das Zusammenspiel dieser Systeme soll verhindern, dass aus einer technischen Störung eine gefährliche Situation wird. Ein Stillstand in der Höhe mag für die Betroffenen unangenehm und womöglich beängstigend sein – er bedeutet aber gerade nicht, dass ein Fahrgeschäft unkontrolliert abstürzen könnte.
Ganz ausschließen lässt sich dennoch nicht, dass Fahrgäste einmal länger in der Höhe ausharren müssen. Das hat Andreas John selbst erlebt. Einmal blieb sein Kettenflieger vollbesetzt ganz oben stehen. Die Situation war dabei besonders ungünstig: Weil sich der Fahrgastträger bereits an seinem höchsten Punkt befand, konnte John ihn nicht mehr ein Stück weiter nach oben bewegen, um die Fallbremse zu entlasten.
Die Feuerwehr wurde gerufen. Mit einer Drehleiter holten die Einsatzkräfte zunächst einige Fahrgäste aus ihren Sitzen. Erst danach war genügend Spielraum vorhanden, um die Bremse zu lösen und die Anlage wieder nach unten zu fahren.
In späteren Medienberichten sei damals von einem „technischen Defekt“ die Rede gewesen, erzählt John. Für ihn beschreibt das nur unzureichend, was tatsächlich passiert war: Eine Sicherheitseinrichtung hatte den Kettenflieger festgesetzt.
Dies ist auch die entscheidende Botschaft vor dem Tauchscher: Dass ein Fahrgeschäft stehen bleibt, sieht spektakulär aus und kann für die Menschen in luftiger Höhe äußerst unangenehm sein. Ein solcher Stillstand ist aber nicht automatisch ein Versagen der Sicherheitstechnik. Er kann gerade das Gegenteil bedeuten – dass eine Sicherung eingegriffen hat. Wer in den Kettenflieger steigt, muss also weiterhin ein bisschen Mut zur Höhe mitbringen. Angst davor, dass die Gondeln bei einer Störung einfach nach unten fallen, braucht man nach Darstellung des Betreibers nicht zu haben. Dafür gibt es mehrere voneinander unabhängige Sicherungssysteme.
Oder, wie Andreas John es wesentlich kürzer formuliert: „Es kann nichts passieren.“