Meeresschutz in Leipzig und Taucha klingt zunächst ungewöhnlich. Für Johannes Toll, Franziska Jokisch und Elisabeth Rafoth vom Verein Surfrider ist genau das aber der Punkt. „Das Meer beginnt vor deiner Haustür“, sagt Toll. Gemeint ist damit: Was in kleinen Bächen, Gräben und Flüssen passiert, endet nicht selten irgendwann in größeren Gewässern und damit im Meer.
Am Samstag, 30. Mai 2026, will die Leipziger Surfrider-Gruppe deshalb den Lösegraben in Taucha genauer untersuchen. Interessierte können vorbeikommen und mitmachen. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Eine Anmeldung ist per E-Mail an leipzig@surfrider.eu möglich.
Surfrider ist ein international aktiver Meeresschutzverein. Die Bewegung entstand 1984 in Malibu in Kalifornien, gegründet von Surfern, die ihren Surfspot und die Küste schützen wollten. Die Surfrider Foundation Europe wurde 1990 gegründet, die deutsche Organisation im Sommer 2011. Der Verein setzt nach eigenen Angaben auf positiven Aktivismus und konkrete Aktionen vor Ort. In Deutschland liegt der Fokus auf Gewässern, Meeren und Küsten.
In Taucha geht es nun nicht um einen Strand, sondern um einen kleinen Bach. „Wir wollen weniger über Gewässerschutz reden, sondern uns vielmehr die Hände schmutzig machen“, sagt Franziska Jokisch. Der Lösegraben sei dafür gut geeignet, weil er nah an Leipzig liege, erreichbar sei und zugleich die Chance biete, langfristig etwas vor Ort zu bewegen. Im vergangenen Jahr war die Gruppe bei Nempitz im Saalekreis aktiv. „Das war etwas weit weg von allem. Deshalb wollen wir jetzt in Taucha ansetzen“, sagt Elisabeth Rafoth.
Die Aktion ist Teil des bundesweiten Projekts FLOW, das unter anderem vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig begleitet wird. Ziel ist es, Bürgerwissenschaft für das ökologische Monitoring kleiner Fließgewässer zu nutzen. Bürger, Vereine, Schulklassen und andere Gruppen untersuchen dabei Bäche und kleine Flüsse in ihrer Umgebung. Bewertet werden unter anderem Gewässerstruktur, chemische Wasserqualität und wirbellose Tiere am Gewässergrund. Gerade für viele kleine Gewässer fehlen solche Daten bislang, weil das behördliche Monitoring vor allem größere Flüsse erfasst.
Am Lösegraben wird in mehreren Gruppen gearbeitet. Eine Gruppe übernimmt chemisch-physikalische Messungen. Dabei geht es etwa um Sauerstoffgehalt, Fließgeschwindigkeit und weitere Werte, die Hinweise auf den Zustand des Gewässers geben. Eine zweite Gruppe untersucht die sogenannte Strukturgüte. Dafür wird ein Abschnitt von rund 100 Metern betrachtet. Entscheidend ist dabei unter anderem, ob das Gewässer natürlich verläuft, wie stark es mäandert, wie die Ufer aussehen und wie der Grund des Baches beschaffen ist.
Besonders zeitintensiv wird die Untersuchung des Makrozoobenthos. Damit sind kleine wirbellose Tiere gemeint, die am Gewässergrund leben, etwa Insektenlarven, Schnecken, Würmer oder kleine Krebstiere. An rund 20 Stellen wird Material aus dem Bachgrund gekäschert. Anschließend wird sortiert, mikroskopiert, bestimmt und gezählt. „Das dauert mehrere Stunden“, sagt Toll. „Aber genau diese Tiere verraten sehr viel über die Qualität eines Gewässers.“ Einige Arten gelten als Zeiger für einen guten Zustand, andere kommen eher dort vor, wo die Wasserqualität oder die Struktur des Gewässers schlechter ist.
Der Lösegraben war nach Angaben der Beteiligten auch vom UFZ vorgeschlagen worden. Gesucht wurde ein Bach dritter Ordnung in der Nähe, der für eine solche Untersuchung geeignet ist. Die Aktion ist bei der unteren Naturschutzbehörde angemeldet. Die Fläche gehört der Stadt Taucha, die ihre Zustimmung gegeben hat.
Auch der Zweckverband Parthenaue unterstützt das Vorhaben. Axel Weinert sagte gegenüber Taucha kompakt, der Lösegraben sei für eine solche Untersuchung gut geeignet. „Der Bach ist immer wasserführend und hat einen gewissen natürlichen Zustand“, so Weinert. Für den Zweckverband sei das Projekt ein großer Mehrwert. „Was hier gemacht wird, ist Citizen Science, also bürgerschaftliche Wissenschaft. Nicht nur die Wissenschaft geht raus und untersucht, sondern eben auch die Allgemeinheit. Das ist wichtig, weil sich Menschen mit der Natur auseinandersetzen, die das vielleicht sonst nie machen. Das schafft einen Blick für das große Ganze, denn man schützt nur, was man kennt.“
Genau daran will Surfrider anknüpfen. Für Johannes Toll endet die Arbeit nicht mit dem Untersuchungstag. „Die Frage nach solchen Projekten ist immer: Und jetzt?“, sagt er. Die Gruppe wolle die erhobenen Daten nutzen, um danach über konkrete Verbesserungen zu sprechen. Denkbar seien je nach Ergebnis etwa Baumpflanzungen, das Einbringen von Kies oder andere Maßnahmen, die den Lösegraben biologisch aufwerten können.
Was sinnvoll ist, soll sich aus der Untersuchung ergeben. „Wir wollen nicht irgendetwas machen, sondern verstehen, was das Gewässer braucht“, sagt Rafoth. Dafür sei auch die Vernetzung mit Menschen aus Taucha wichtig. Neben dem Zweckverband Parthenaue wurde darum schon Kontakt zur Klimainitiative Taucha und dem Heimatverein Taucha aufgenommen. Der 30. Mai soll deshalb nicht nur ein Messtag werden, sondern auch ein Einstieg in ein längerfristiges Engagement am Lösegraben. „Wenn herauskommt, dass noch Luft nach oben ist, wollen wir vor Ort bessere Bedingungen schaffen“, sagt Jokisch.
Für Surfrider ist der Lösegraben damit ein Beispiel für das eigene Motto: Meeresschutz beginnt nicht erst an der Küste, sondern an kleinen Bächen, Gräben und Flüssen. Am 30. Mai beginnt er in Taucha mit Gummistiefeln, Keschern, Mikroskopen und der Frage, was in einem unscheinbaren Bach tatsächlich lebt.