An der Leipziger Straße ist aus der großen Baugrube inzwischen ein weithin sichtbares Gebäude geworden. Der Rohbau des neuen Praxis- und Bürocenters an der Ecke Freiligrathstraße ist abgeschlossen, der Innenausbau läuft. Auf der Seite zur B87 wurde das Gerüst bereits entfernt. Damit lässt sich erstmals gut erkennen, wie das rund 86 Meter lange Gebäude künftig die westliche Stadteinfahrt von Taucha prägen wird. Während das Bauprojekt selbst weitgehend nach Plan voranschreitet, gibt es bei einem wesentlichen Bestandteil des ursprünglichen Energiekonzeptes allerdings eine überraschende Änderung: Das geplante Wärmenetz mit Abwärme aus dem nahe gelegenen Datacenter wird nicht gebaut.
Rund 15 Millionen Euro investieren die THI Immobilien GmbH und die Sikan Projektentwicklung GmbH in das neue Gebäude. Bei der Vermietung ist das Projekt inzwischen weit fortgeschritten. Nach Angaben von Geschäftsführer Alexander Langrock sind rund 80 Prozent der Flächen vergeben. Einige Bereiche werden zunächst im Rohbau belassen, damit sie für weitere Mieter noch individuell zugeschnitten werden können.
Als feste Mieter bestätigt sind bislang eine Apotheke, ein Zahnarzt, eine Praxis für Oralchirurgie, ein HNO-Arzt, ein Allgemeinmediziner sowie eine neurologisch-psychiatrische Praxis. Hinzu kommen Ergotherapie, Fußpflege, Kosmetik und Hörgeräteakustik. Im Erdgeschoss ist außerdem eine kleinere gastronomische Einheit vorgesehen.
Bei den ärztlichen Nutzern handelt es sich nach Angaben Langrocks überwiegend um bestehende Praxen, die innerhalb Tauchas umziehen. Neu hinzukommen soll die Oralchirurgie. Gespräche gibt es zudem mit einer Physiotherapie. Dort spüre man derzeit allerdings eine gewisse Zurückhaltung, sagt Langrock. Gesetzliche Veränderungen und die derzeitigen Reformen im Gesundheitswesen erschwerten Investitionsentscheidungen, erklärt er.
Der erste Teil des Hauses soll nach aktuellem Zeitplan im April 2027 in Betrieb gehen.
Eine wesentliche Änderung gibt es dagegen bei der Energieversorgung. Ursprünglich sollte das Ärztehaus zu den ersten Abnehmern eines neuen Wärmenetzes im Tauchaer Westen gehören. Die Idee: Abwärme des Datacenters der envia TEL sollte über Leitungen zu den umliegenden Neubauten transportiert und dort mit Wärmepumpen für die Gebäudeheizung nutzbar gemacht werden.
Das Fernwärme-Projekt in Taucha, das die Abwärme des Datacenters Leipzig nutzen sollte, wird nicht realisiert.
Noch im Dezember 2025 hatte sich der Tauchaer Stadtrat mehrheitlich für die weitere Umsetzung ausgesprochen. envia THERM hatte das Vorhaben zuvor im Stadtrat vorgestellt. Geplant war ein sogenanntes kaltes Wärmenetz. Die Abwärme des Rechenzentrums sollte mit einem Temperaturniveau von rund 20 Grad ausgekoppelt werden. Als erste Abnehmer waren unter anderem die Neubauten an Jubisch- und Freiligrathstraße mit Ärztehaus und Seniorenwohnen sowie die benachbarte (T)Raumfabrik vorgesehen, ebenso habe man sich perspektivisch die Jubisch-Sporthalle als Nutzer vorstellen können.
Nun ist das Projekt überraschend vom Tisch.
„Das Fernwärme-Projekt in Taucha, das die Abwärme des Datacenters Leipzig nutzen sollte, wird nicht realisiert. Der Bürgermeister, der Stadtrat und die betreffenden Kunden wurden darüber informiert“, teilt enviaM-Sprecher Hagen Ruhmer auf Anfrage von Taucha kompakt mit. Weitere Gründe nennt das Unternehmen bislang nicht. Damit bleibt vorerst offen, warum ein Projekt, das noch vor weniger als einem Jahr so weit fortgeschritten war, dass der Stadtrat die weiteren Schritte für Errichtung und Betrieb freigab, nun vollständig aufgegeben wurde.
Für das Ärztehaus selbst hat die Entscheidung nach Angaben Langrocks keine Auswirkungen auf den Zeitplan. Die Wärmeversorgung wird nun über eine eigene Wärmepumpenanlage erfolgen. Hinzu kommt Photovoltaik. Die Wärme komme überwiegend über Fußbodenheizungen zu den Nutzern.
Die Entscheidung reicht allerdings über das einzelne Bauprojekt hinaus. Denn die Nutzung der Datacenter-Abwärme ist auch Bestandteil der Kommunalen Wärmeplanung der Stadt Taucha.
Das 2025 vorgestellte Konzept untersucht, wie die Wärmeversorgung der Stadt langfristig klimaneutral organisiert werden könnte. Als eines der wesentlichen lokalen Potenziale wurde ausdrücklich die Abwärme des bestehenden enviaTEL-Datacenters genannt. Für den Westen Tauchas sah der Maßnahmenkatalog den Aufbau eines Wärmenetzes bis 2030 vor.
Das nun abgesagte Projekt war damit nicht nur eine technische Lösung für einzelne Neubauten. Es spielte zugleich eine Rolle in der strategischen Betrachtung der künftigen Wärmeversorgung eines Teils der Stadt. Was die Absage für die Kommunale Wärmeplanung bedeutet, ist derzeit noch nicht geklärt. Die Wärmeplanung ist ohnehin kein statischer Ausbauplan, sondern ein strategisches Instrument. Sie soll nach dem bisherigen Konzept regelmäßig fortgeschrieben und an technische, wirtschaftliche und förderpolitische Entwicklungen angepasst werden. In der bisherigen Planung waren neben Wärmenetzen auch dezentrale Wärmepumpen, Solarthermie und weitere Wärmequellen vorgesehen.
Dennoch fällt mit der Datacenter-Abwärme zumindest für das bislang konkret geplante Netz eine Energiequelle weg, die in der Potenzialanalyse ausdrücklich als besonders interessant bewertet worden war. Ob für das vorgesehene Wärmenetzgebiet im Westen nun eine andere Lösung untersucht wird, der Zeitplan verändert wird oder die Planung grundsätzlich angepasst werden muss, ist derzeit offen.
Parallel dazu geht die Entwicklung des Areals an der Freiligrathstraße weiter. Im rückwärtigen Grundstücksteil sind weitere Wohn- und Pflegeangebote geplant. Gegenüber den ursprünglichen Vorstellungen wurde die Bebauung verändert. Statt eines großen zusammenhängenden Baukörpers sollen zwei separate Gebäude entstehen. Die überarbeitete Planung sieht Gebäude mit seitlichem Grenzabstand und einer Länge von jeweils höchstens 50 Metern vor. In einem der Häuser sollen im Erdgeschoss eine Tagespflege und eine Wohngruppe untergebracht werden. Darüber ist Servicewohnen vorgesehen, vorwiegend mit Zweiraumwohnungen von rund 60 Quadratmetern. Im zweiten Gebäude sollen größere barrierefreie Dreiraumwohnungen entstehen.
Planungsrechtlich ist dieser Abschnitt Bestandteil des Bebauungsplanes 67b „Westvorstadt 2“. Der Stadtrat hatte zur September-Sitzung die im Rahmen der Behörden- und Öffentlichkeitsbeteiligung eingegangenen Hinweise, Anregungen und Bedenken einstimmig abgewogen. 20 Stadträte stimmten für den Beschluss.
Langrock hofft, dass das Bebauungsplanverfahren noch in diesem Jahr abgeschlossen werden kann. Dann könnten die Arbeiten für den rückwärtigen Teil im kommenden Jahr beginnen.
Vorerst richtet sich der Blick jedoch auf den großen Neubau unmittelbar an der B87. Mit der abgerüsteten Fassade, den langen Fensterreihen und dem Staffelgeschoss hat das Ärztehaus sein endgültiges Erscheinungsbild bereits weitgehend erreicht. Bis die ersten Praxen im Frühjahr 2027 eröffnen können, bleibt im Inneren noch einiges zu tun.