Die Stolperschwelle unweit des Marktes in Taucha.
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Mit diversen Reden und einer Schweigeminute wurde gestern in der Nähe des Marktes eine Stolperschwelle verlegt. Die erste in Taucha und eine der wenigen in Sachsen. Sie soll an die Zwangsarbeit in Zeiten des Nationalsozialismus in Taucha erinnern.

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Nein, stolpern muss niemand über die Stolperschwelle, die seit gestern vor dem Rossmann-Markt liegt. Aber man soll Anstoß an ihr nehmen und sich beschäftigen mit der Inschrift, die da lautet: „Hier interniert am Markt 6 ab Februar 1944 – Zwangsarbeitende der Erla Maschinenwerke. Von September 1944 bis April 1945 setzte die Hasag in Taucha 1271 weibliche und 960 männliche Häftlinge verschiedener Nationalitäten eines KZ-Außenlagers von Buchenwald zur Rüstungsproduktion ein. Entrechtung, Ausbeutung, Misshandlung und Ermordung bestimmten ihr Leben. Viele wurden deportiert oder auf Todesmärsche geschickt.“ Die Stolperschwelle ist eine gemeinschaftliche Arbeit von Zehntklässlern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Taucha, dem Erich-Zeigner-Haus e.V. Leipzig, diversen Sponsoren und dem Künstler Gunter Demnig aus dem hessischen Alsfeld-Elbenrod. Demnig hat die Stolpersteine erfunden und ließ es sich mit 74 Jahren nicht nehmen, die Schwelle in Taucha selbst zu verlegen.

„Es ist nicht selbstverständlich“, begann Henry Lewkowitz vom Erich-Zeigner-Haus e.V. 

seine Rede, „dass sich Schüler außerschulisch über anderthalb Jahre getroffen haben, um ein solches Projekt zu realisieren. Wechselnd in Präsenz und Onlinekonferenzen während Corona. Sie haben Staatsarchive besucht und viel über die Zwangsarbeit gelernt. All das ist eine ganz hervorragende Leistung“, so Lewkowitz weiter. Sein Dank galt auch den Lehrerinnen und Lehrern. Auf eine gute Organisation innerhalb der Schule sei der Verein sehr angewiesen, sagte er und bekräftigte, dass es durchaus ein politisches Projekt sei, das hier umgesetzt wurde. „Erinnerungskultur ist von Beginn an immer politisch“, so seine Aussage.

Künstler Gunter Demnig baute die Stolperschwelle ein. Er hatte 1992 die Idee zu den Stolpersteinen.

Auch einige der zehn Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 10 des Tauchaer Gymnasiums kamen zu Wort. Sie erzählten, wie sie seit April 2021 in privaten und Staatsarchiven wühlten, um Dokumente über die Zwangsarbeit in der Hugo Schneider AG (HASAG) in Erfahrung zu bringen. Alle zwei Wochen wurde sich getroffen, um mehr über diesen schwarzen Teil der Geschichte zu lernen. Von Referenten sei theoretisches Wissen vermittelt worden. Kopien von Deportationslisten aus dem KZ Buchenwald wurden durchforstet nach Spuren, die nach Taucha führen. So sei der Deportationsweg einer Frau vom Konzentrationslager Ravensbrück nach Taucha verfolgt worden. Auch über einen „interessanten und empörenden Weg“ eines Häftlings berichteten die Schüler. Für diesen Mann sei eine „Empfangsbestätigung“ ausgehändigt worden, so als wäre er eine Ware. Gemeinsam mit Chronist Jürgen Ullrich sei dann der Text für die Schwelle verfasst worden. Insgesamt hätten die jungen Erwachsenen viel gelernt, was der Geschichtsunterricht niemals hätte vermitteln können. Etwa ein digitales Treffen mit Dr. Eva Umlauf, einer Auschwitz-Überlebenden. Ihr habe man sehr interessiert und bewegt zugehört.

Bürgermeister Tobias Meier erinnerte in seiner Ansprache an die Naziherrschaft in Taucha: „Hier lebten in mehr als 20 Lagern etwa 5000 Zwangsarbeiter, die für die HASAG oder die Mitteldeutschen Motorenwerke arbeiten mussten“, erzählte er und zitierte aus einem Nachschlagewerk zur Geschichte der NS-Konzentrationslager: „Fast jede Dritte der am 7. September 1944 eingelieferten Sinti-Häftlinge und Jüdinnen war nicht in der Lage, die zwölfstündigen Arbeitsschichten zu überstehen. Am 11. Oktober 1944 wurden 149 von ihnen nach Auschwitz deportiert. Ungenügende Bekleidung, mangelhafte Hygiene führten zu Typhus und Diphtherie“, las er vor. All dies sei „nicht etwa in Buchenwald oder Auschwitz passiert, sondern hier in unserer Heimatstadt“, so Meier weiter. Und er kam auch auf die Schuld zu sprechen: „Die Schuld der Nachlebenden, die gibt es nicht. Aber aus der historischen Schuld ist für uns alle eine bleibende Verantwortung erwachsen. Wir müssen uns der Geschichte stellen und Folgerungen daraus ziehen. Krisen und andere Ereignisse dürfen nicht dazu führen, dass neuer Hass geschürt wird. Das gelingt, indem wir uns informieren und zusammenstehen wie heute“, mahnte der Bürgermeister. Auch sein Dank galt den Schülerinnen und Schülern, dem Erich-Zeigner-Haus und dem Künstler sowie allen Spendern, die mit ihrem Geld die Stolperschwelle möglich machten.

Kathrin Rentsch, Schulleiterin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, zog Verbindungen zur heutigen Zeit: „Niemand glaubte bei Beginn des Projekts, dass Krieg uns einmal so nah kommen würde. Jetzt tobt er in der Ukraine. Geflüchtete Kinder lernen an unserer Schule. Ihre Väter wurden vielleicht schon getötet oder verschleppt – wir wissen es nicht“, sagte sie und brachte ihre Anerkennung für die harte Arbeit der Schüler zum Ausdruck. Und ein Versprechen hatte sie im Gepäck: „Auch nach der erfolgreichen Verlegung der Stolperschwelle wollen wir uns dafür engagieren, indem wir die Patenschaft übernehmen. Das heißt für uns: regelmäßig Erinnerungen wachhalten, regelmäßig putzen und auch regelmäßig ins Gespräch kommen.“

Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, Rektorin Kathrin Rentsch und Henry Lewkowitz vom Erich-Zeigner-Haus e.V.

Chronist Jürgen Ullrich, der auch Vorsitzender des Schlossvereins ist, startete mit einem Kompliment in Richtung der Schüler: „Ich finde es ganz außerordentlich, dass Sie sich in der heutigen Zeit, die so viele Themen für junge Menschen bereithält, gerade dieser Thematik gewidmet haben. Es ist keineswegs natürlich, sich diesem Thema zuzuwenden und die Zeiten, die so lange zurückliegen, nicht zu vergessen“, so Ullrich. Er erinnerte, dass Taucha im Fadenkreuz dreier Rüstungsbetriebe lag: Der HASGA, der MIMO und der Erla-Werke. Viele der dort Beschäftigen überlebten ihre Lagerjahre in Taucha nicht.

Zum Abschluss der Zeremonie legten die Schülerinnen und Schüler weiße Rosen nieder – dem Symbol des Widerstands der Geschwister Scholl gegen die Hitler-Diktatur, die natürlich auch fest mit dem Gymnasium verbunden ist. Insgesamt eine wirklich bewegende Veranstaltung, die gestern früh ab 9 Uhr stattfand und ein Projekt, bei dem man spürte, dass hier viel Engagement und Interesse in ein „Produkt“ geflossen ist. Und viele der Initiatoren wünschen sich wohl, dass die Stolperschwelle künftig nicht nur von eiligen Rossmann-Kunden getreten wird, sondern dies wirklich ein Ort der Erinnerung werden kann. Der Standort der Stolperschwelle soll an den Gasthof Zum Goldenen Löwen anknüpfen. Dieser diente ab Februar 1944 als Unterkunft für Zwangsarbeiter. Wahrscheinlich wurde er noch im gleichen Jahr zerstört. An der Standortwahl regte sich im Vorfeld Kritik: Der Verein Solidarische Alternativen für Taucha (SAfT e.V.) bemängelte den wirklichen fehlenden Ortsbezug und die Auslassung von Details in der Inschrift.

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Veröffentlicht am 18. Mai 2022 um 15:04 Uhr.
Letzte Bearbeitung: 27. Mai 2022 um 10:44 Uhr.

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Daniel Große ist Herausgeber von Taucha kompakt. Er arbeitet seit 2001 als freier Journalist und berichtet hier zu allen Themen, die Taucha bewegen. Infrastruktur, Blaulicht-Meldungen, Veranstaltungen, Neues aus dem Rathaus und vieles mehr veröffentlicht er hier. Schnell, kompakt und verständlich.
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