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Wie lange er bereits besteht, dazu konnte die Deutsche Bahn nichts sagen. Fakt ist aber: Nachdem er viele Jahrzehnte bestand, wurde heute der Bahnübergang Gerichtsweg für immer geschlossen. Die Deutsche Bahn kappt mit dieser Entscheidung eine wichtige Umgehungsstrecke für die verkehrlich ohnehin schon stark gebeutelte B87. Zahlreiche Tauchaer verfolgten dieses Ereignis.

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Eigentlich ist es nur das Schließen einer Schranke, die nicht mehr öffnet. Aber dennoch war es genau dieser Vorgang rund 50 Tauchaern wert, heute gegen 11 Uhr dabei zu sein. Um 11.02 Uhr ertönte zum letzten Mal das markante Ding-Ding der Glocke, die mechanisch durch das Kurbeln im Stellwerkshäuschen angetrieben wird. Zum letzten Mal drehte Bernd Liebmann an der Kurbel. Direkt danach sicherten Mitarbeiter der Deutschen Bahn die Schranken mit Ketten. Anschließend rückte ein weiterer Mitarbeiter mit einem Bolzenschneider an, um die Drahtzugleitung zu kappen. Dieser Draht sorgte bislang dafür, dass sich die Schranken auf beiden Seiten öffnen und schließen ließen. Damit ist nun also auch technisch dafür gesorgt, dass dieser Bahnübergang nie mehr öffnet.


Mit dem Gerichtsweg verbindet viele Tauchaer gewissermaßen eine Hassliebe. Er war schon immer der Bahnübergang, der am längsten geschlossen war. Oft viele Minuten bevor überhaupt ein Zug zu sehen war – und auch nach dem Durchfahren eines Zuges dauerte es gefühlt viel zu lange, bis sich die Schranken wieder öffneten. Das hatte damit zu tun, dass der Bahnübergang als einer der letzten bundesweit noch komplett per Hand bedient wurde. Durch einen Anruf bekam der Mitarbeiter im Bahnhäuschen den Hinweis, die Schranken zu schließen. Geöffnet werden konnten sie erst, wenn der durchfahrende Zug einen gewissen Punkt überfahren hat. Erst dann konnte der für die Kurbel nötige Schlüssel gezogen und die Kurbel schließlich bedient werden.
„Ja, man hat die Schranke hier geliebt und gehasst, sie gehörte zum Leben dazu“, sagte auch Christine Paulus, die in Sichtweite ihren Garten hat. „Seit 30 Jahren hörte man das Ding-Ding der Glocke. Es war vertraut und sinnbildlich für diesen Bahnübergang“, sagt sie. Auch andere umstehende Bürger bedauerten, dass die Deutsche Bahn diesen Übergang nun für immer dicht macht und wollten bei diesem historischen Ereignis noch einmal dabei sein.

Nötig wurde der Wegfall dieses Bahnüberganges im Zuge der Umgestaltung des Bahnhofs Taucha in Verbindung mit dem Trogbau. Im Jahr 2010 wurden seitens der Deutschen Bahn und der Stadt Taucha Vereinbarungen getroffen, um den Nahverkehr zu stärken. Die Stadt solle für Radfahrer und Fußgänger besser erreichbar sein. Darum wurde unter anderem die Zuwegung zum Bahnhof von der Schillerstraße vereinbart. Der Hauptgrund, warum der Bahnübergang aber nicht bestehen bleiben konnte, war schlichtweg: Er ist im Weg. Für den Güterverkehrsring Leipzig musste ein so genanntes Güterzugüberholgleis eingeplant werden. Dieses ist 750 Meter lang und laut Thomas Schwarz, Projektleiter der DB Netz, von der Bundesregierung vorgeschrieben. Dieses endet derzeit kurz vor dem Bahnübergang und beginnt danach wieder. Nach der nun erfolgten Schließung wird das Gleis angebunden und ist dann ab März auch nutzbar. Geschalten werden die Weichen der Gleise künftig über ein elektronisches Stellwerk, das mit dem stark veralteten Bahnübergang nicht kompatibel wäre. Bedient wird das Stellwerk, das sich neben dem Gleis in der Matthias-Erzberger-Straße befindet, vom Leipziger Hauptbahnhof aus.

Nach seiner Wahl zum Bürgermeister im Jahr 2015 versuchte Tobias Meier zwar noch mehrfach, die Bahn zum Einlenken zu bewegen. Doch waren da die Planungen, die vor allem auf einer veralteten Prognose des Einwohnerrückgangs beruhten, zu weit fortgeschritten. Ein Abbruch wäre laut Thomas Schwarz nicht sinnvoll gewesen. Im schlimmsten Fall hätte sich die Bahn dann wohl entschieden, den Umbau des Bahnhofs Taucha auszulassen – um ihn irgendwann ganz zu schließen. Aus diesem Grund blieb es bei dem Kompromiss, den Bahnübergang Gerichtsweg dicht zu machen. Den Klageweg sparte sich die Stadt Taucha aufgrund der Aussicht auf Erfolglosigkeit.

In den kommenden Tagen und Wochen wird der Bahnübergang komplett zurückgebaut. Die Schranken werden demontiert, der Asphalt zwischen den Gleisen entfernt und das alte Bahnwärterhäuschen abgerissen. Danach wird das Überholgleis angeschlossen. Außerdem entstehen am Ende des Gerichtsweg und am Ende der Matthias-Erzberger-Straße zwei Wendehämmer.

Veröffentlicht am 8. November 2019 um 15:01 Uhr.
Letzte Bearbeitung: 13. November 2019 um 18:29 Uhr.

2 Kommentare

  1. Hallo Herr Große,
    das „Bahnwärter-Haus“ ist durchaus mehr. Es handelt sich um ein mechanisches Stellwerk, das auch eine handbediente Schrankenanlage besitzt. Dieser Bau ist m.E. ein Ersatzbau welcher für das im 2. Weltkrieg durch Bomben getroffene Stellwerk auf der genüberliegenden Gleisseite errichtet wurde.

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