Zu quasi allen Beschlüssen und Vorhaben, die der Stadtrat und die Stadtverwaltung in jüngster Zeit gefasst haben, bildeten sich innerhalb kurzer Zeit Bürgerinitiativen, Interessengruppen, Zusammenschlüsse oder Gegenwehr in anderer Form. Bereits seit längerer Zeit ist die IG Verkehrsführung Taucha-Süd aktiv. In der letzten Stadtratssitzung sprachen diverse Vertreter der IG vor Stadtrat und Bürgermeister. Grund sind neue Überlegungen, die Sackgasse in der Klebendorfer Straße aufzuheben.

Um das Vorhaben zu erklären und den Protest zu verstehen, muss man etwas ausholen. Seit 2016 gibt es Überlegungen seitens der Stadtverwaltung, die Klebendorfer Straße für den Verkehr in Richtung Otto-Schmidt-Straße zu öffnen. Bereits damals regte sich gegen das Vorhaben Gegenwind seitens der Anwohner, die eine Zunahme des Verkehrs in ihrem Quartier befürchteten. Im August 2016 führte das Ingenieurbüro EIBS eine Verkehrsuntersuchung statt. Hierbei wurde keine „signifikante Veränderung der Verkehrsführung im Untersuchungsbereich Klebendorfer Straße / Gärtnerweg / Otto-Schmidt-Straße festgestellt“. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden die zu erwartenden Verkehrsbelastungen als auch die verkehrlichen Auswirkungen auf das Umfeld bis 2025 untersucht. Damals noch für drei Varianten: Den Zweirichtungsverkehr sowie den Einrichtungsverkehr in Richtung Otto-Schmidt-Straße und den Einrichtungsverkehr von der Otto-Schmidt-Straße zur Sommerfelder Straße. Damals konnte keine absolute Vorzugsvariante dargestellt werden. Darum entschied der Stadtrat in seiner Sitzung vom 14. Dezember die „Beibehaltung der derzeitigen Verkehrsführung in der Klebendorfer Straße“ (Sitzungsvorlage 2017/085).

In der Begründung des Beschlussvorschlages hieß es damals auch, dass über die künftige Verkehrsführung im Bereich Klebendorfer Straße / Gärtnerweg / Otto-Schmidt-Straße erst nach Abschluss des Trogbaus, der Schließung des Bahnübergangs Gerichtsweg und der Neugestaltung der Kreuzung Leipziger Straße / Sommerfelder Straße / Graßdorfer Straße und der Veränderung der Einbindung der Portitzer Straße in die B87 entschieden werden könne. Erst dann könne die Verkehrslage im gesamten Stadtgebiet neu betrachtet bzw. eine Optimierung geprüft und danach über die zukünftige Verkehrsführung in der Klebendorfer Straße entschieden werden.

Dennoch planen Stadtrat und Stadtverwaltung nun die Öffnung der Klebendorfer Straße als Einrichtungsverkehr zur Otto-Schmidt-Straße für den PKW-Verkehr. Stimmt der Stadtrat am morgigen Donnerstag in der außerordentlichen Sitzung dafür, sollen rund 30.000 Euro aus dem Haushalt entnommen werden für einen „Feldversuch“, wie es aus dem Rathaus heißt. Die Kosten entstehen laut Bürgermeister Tobias Meier, weil unter anderem ein Fußweg neu entstehen sowie der Höhenversatz entfernt werden müsse. Ziel des Feldversuchs solle laut Bauamt und Ordnungsamt die Einschätzung des Verkehrs in dem Bereich sein, um diesen künftig im Quartier entflechten zu können.

Gegen das Vorhaben regt sich erwartungsgemäß Widerstand. Bereits in der Stadtratssitzung am vergangenen Donnerstag sprachen diverse Bürger vor, die ihre Bedenken hinsichtlich der Zunahme des Verkehrs äußerten. Für Reiner Böhme von der IG Verkehrsführung Taucha-Süd wirkt das Vorhaben wie ein Schnellschuss. Außerdem bemängelt er die schlechte oder fehlende Informationspolitik seitens der Stadtverwaltung. Nach einem persönlichen Gespräch mit dem Bürgermeister sei nichts mehr passiert, monierte Böhme. Auch seien seine Schreiben vom 4. November, 24. November und 5. Dezember nicht beantworten worden. Er fühle sich getäuscht, so Böhme am vergangenen Donnerstag.

Bürgermeister Tobias Meier widersprach und legte Wert drauf, dass der Feldversuch eben kein Schnellschuss sei, weil er noch keine grundsätzliche Öffnung bedeuten würde. Das Gebiet würde aber als Ganzes betrachtet. Alle Straßenbeziehungen seien zu betrachten. Zudem sei ja noch gar nicht klar, ob sich der Stadtrat, dem er auch selbst angehört, zur Durchführung des Versuchs bekennt. Darum konnte man auch keine inhaltlichen Details nennen und darum seien die Schreiben unbeantwortet geblieben.

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Unverständnis herrschte seitens der anwesenden Bürger auch darüber, dass geplant sei, eine nicht kleine Summe Geld in die Hand zu nehmen, bevor überhaupt klar sei, ob das Vorhaben technisch und konzeptionell umzusetzen ist. Denn erst wenn Ergebnisse des Feldversuches fest stehen, könnten weitere Planungen zur Verkehrsführung starten. Was letztlich das „Zünglein an der Waage“ sei, wollte ein Anwohner in der Bürgerfragestunde wissen. „Welche Faktoren sind denn entscheidend, aus denen am Ende eine endgültige Öffnung der Klebendorfer resultiert?“, wollte der Anwohner wissen. Die Frage blieb unbeantwortet. Bürgermeister Tobias Meier verwies nur darauf, dass sich kein Anwohner Sorgen machen solle, dass mit der Öffnung eine Entlastung der B87 vorgenommen werden solle. Das sei auch wegen der Ampelanlage an der Otto-Schmidt-Straße gar nicht möglich. Es werde schlicht niemand bei Stau auf der B87 durch das Wohngebiet der Klebendorfer Straße fahren, um dann auf der Otto-Schmidt-Straße wieder an der Ampel zu stehen oder gar durch den Gärtnerweg zu fahren.

Mit dieser Meinung würde der Bürgermeister allein dastehen, sagt Reiner Böhme. Bereits jetzt würden sich regelmäßig im hinteren Bereich der Klebendorfer Straße LKW festfahren, in der Annahme, sie kämen dort irgendwo lang. „Sobald die Straße dann dort offen ist, zeigen das Google Maps und Co. auch an – mit den entsprechenden Folgen. Die Durchfahrt dort nur für PKW zu erlauben halten wir für technisch nicht machbar. Auch LKW werden dann dort lang fahren“, so Böhme gegenüber Taucha kompakt.

Und noch ein Fakt irritiert und verwundert die Anwohner: Der Feldversuch solle – bei entsprechendem Beschluss des Stadtrates – genau in der Zeit stattfinden, in der die Theodor-Körner-Straße wegen des grundhaften Ausbaus gesperrt ist. Selbiger beginnt am 6. Januar. Einen Feldversuch, der messbare Ergebnisse bringen soll, in dieser Zeit durchführen, sei nicht möglich, so ein Anwohner. Bürgermeister Tobias Meier meinte darauf, dass die Körner-Straße derzeit aufgrund des derzeitigen desolaten Zustandes ohnehin kaum genutzt werde. Es gäbe nie einen perfekten Zeitpunkt. Vor allem nicht so lange, wie die B87 genau durch die Stadt führe. „Wenn wir so rangehen, treten wir die nächsten Jahrzehnte auf der Stelle“, so Meier. Die anwesenden Bürger quittierten die Aussagen mit Schnaufen und Abwinken.


Die Entscheidung des Stadtrates wollte vergangenen Donnerstag niemand vorweg nehmen. Es sieht aber alles danach aus, als ob dieser dem Feldversuch am morgigen Donnerstag zur außerordentlichen Stadtratssitzung zustimmt. Wenn der Versuch stattgefunden habe und Ergebnisse vorliegen würden, würde dann auch die Bürgerschaft enger einbezogen, kündigte Tobias Meier an. In der derzeitigen Phase hätten Bürgerversammlungen keinen Sinn, weil jeder nur auf seinen Standpunkt poche und daran festhalte, so der Bürgermeister.

Für die Interessengemeinschaft steht bereits jetzt fest: „Das Ganze ist konzeptlos. Man kann uns nicht sagen, was da genau gezählt werden soll, vor allem im Zeitraum der Sperrung der Körner-Straße. Auf konkrete Nachfragen gibt es keine oder ausweichende Antworten“, so Böhme.

Die morgige außerordentliche Stadtratssitzung findet wie die regulären ab 17 Uhr im Ratsaal statt. Eine Bürgerfragestunde gibt es diesmal nicht, gleichwohl ist die Sitzung aber öffentlich. Neben der Klebendorfer Straße geht es um die Bestellung der Gleichstellungsbeauftragten und um die Fortschreibung des Flächennutzungsplanes.

(1 mal heute gelesen)
Veröffentlicht am 18. Dezember 2019 um 14:49 Uhr.
Letzte Bearbeitung: 18. Dezember 2019 um 14:59 Uhr.
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Seit 2001 arbeitet Daniel Große als freier Journalist. Er fühlt sich in vielen Themengebieten zu Hause. Lokales, Immobilienthemen, Ratgeber- und Verbrauchernachrichten, Medien und Netzwelt sind seine bevorzugten Gebiete. Daniel Große ist Herausgeber von Taucha kompakt.
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4 Kommentare

  1. Finde ich eine Frechheit, Klar werden die Autos den Stau auf der B 87 umfahren um schneller an der Ampel zu sein. Lkw s werden natürlich auch durchfahren, wer will das kontrollieren? Umweltbelastung, Kinder gefährdet Schule und Kindergarten. Taucha braucht eine Umgehungsstraße

  2. So eine Geldverschwendung und das zu Lasten des Steuerzahlers und auf Kosten unserer Kinder. In der Klebendorfer sind gleich 2 Schulen und 1 Kita angesiedelt. Da sollte man doch eher für Verkehrsberuhigung sorgen und nicht umgekehrt.
    Wenn man schon Geld für die Infrastruktur in die Hand nimmt, dann doch bitte Sinnvoll, z. B. auf der Portitzer Straße, Verbindung zwischen Leipziger Straße und Trogbau. Da investiert die Bahn Millionen für eine Unterführung und die Stadt schafft es nicht die 50 Meter Pflasterweg zu verbessern.

  3. Bei Stau auf der B 87 Richtung Eilenburg werden viele dann die Durchfahrt Klebendorfer Straße nutzen, um über Sommerfelder Straße und Kriekauer Straße wieder auf die B 87 zurückzukommen.
    Wie bereits in vorherigen Kommentaren erwähnt, führt diese Route dann an der Grund- / Oberschule und dem Kindergarten vorbei.
    Dazu kommen häufig Fußfänger und Radfahrer (auch Schulkinder) über den Durchgang Richard-Bogue-Straße zur Klebendorfer Straße und stehen dann ohne Absicherung direkt auf der Klebendorfer Straße, da auf dieser Seite kein Fußweg besteht.

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